Branche der Innovationen

Quelle: Helmut Engel, FP. 1.8.2016

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Für herausragende Leistungen wurden Schüler an der Textilfachschule in Münchberg ausgezeichnet. Unser Bild zeigt (von links): Schulleiterin Monika Nestvogel, Patrick Claas, Dr. Christian Heinrich Sandler, Diana Ovdienko, Katharina Steinkamp, Julia Birkl, Michael Breuer, Daniel Hüttling, Ernst Rupprecht Werdin und Landrat Dr. Oliver Bär. Fotos: Helmut Engel

 

Münchberg - Die Anwendung der Internettechnologie zur Kommunikation zwischen Menschen, Maschinen und Produkten - dies bedeute der neue Begriff Industrie 4.0, erklärte Schulleiterin Monika Nestvogel. Das Kultusministerium habe kürzlich alle Schulen befragt, wie weit das Thema 4.0 im Unterricht eine Rolle spielt. Die Industrie 1.0 habe um 1800 mit der ersten Massenproduktion eingesetzt; erklärte Nestvogel, Handwebstühle seien durch Webmaschinen ersetzt worden. Ende des 19. Jahrhunderts habe die Akkord- und Fließbandarbeit Einzug gehalten, damit sei die Industrie 2.0 begründet worden. In den 70er-Jahren habe die dritte industrielle Revolution begonnen: "Die Computertechnologie wurde in die Produktionsmaschinen integriert."
Mit der Industrie 4.0 sei erstmals eine industrielle Revolution ausgerufen worden, bevor diese begonnen habe. "Produzierende Maschinen sollen miteinander kommunizieren, sie sollen sich ihre Einstellungen selber holen und aus Fehlern selbstständig lernen. Sie sollen ihre eigenen Programme verbessern und neu schreiben", erklärte Nestvogel und nannte Auswirkungen: "Auswendig gelerntes Wissen reicht nicht mehr. Von Textiltechnikern und -betriebswirten wird erwartet, dass sie über den Tellerrand hinausblicken, dass sie Probleme erkennen und lösen." Sie appellierte an die Absolventen: "Lernen Sie weiter, damit Sie auch in einer Industrie 4.0 Ihren Platz finden."
Dr. Christian Heinrich Sandler, Präsident des Verbandes der bayerischen Textil- und Bekleidungsindustrie, sagte in seiner Ansprache, der olympische Gedanke sei im Berufsleben nicht ausreichend: "Es geht auch hier um Medaillen." Wie im Sport seien im Beruf viele Qualifikationsrunden zu bewältigen. "Wer erfolgreich sein will, darf sich nicht mit dem Erreichten zufriedengeben." Mit dem sich deutlich abzeichnenden Nachwuchs- und Fachkräftemangel stehe eine große Herausforderung bevor: "Der demografische Wandel bringt neue Anforderungen an die berufliche Aus-, Fort- und Weiterbildung. Wir müssen alle jungen Menschen für eine Ausbildung gewinnen", forderte Sandler.
Die Textilindustrie biete vielfältige Möglichkeiten und berufliche Aussichten. Aber auch mit der Ressource "Arbeitskraft" müsse man schonend umgehen, um die Menschen so lange wie möglich im Arbeitsleben zu halten. Der technologische Wandel sei verbunden mit einem stetigen Anstieg der Qualitätsanforderungen an die Mitarbeiter.
Gerade die Textilindustrie habe sich mit technisch anspruchsvollen Textilien in eine zukunftsfähige Branche gewandelt, erklärte der Redner. Bereits 50 Prozent der Produkte seien technische Textilien: für Gefäßprothesen, Windräder, Airbags oder Dächer der Fußballstadien. Innovative Textilien sorgten etwa bei Flugzeugen und Elektromobilen für erhebliche Gewichtsreduzierungen. Multifunktionale Textilien für Sportler verbesserten die Chancen der Athleten bei der Olympiade. "Personalisierte Kleidung, wie sie schon Adidas anbietet, könnte der Beginn sein, die Produktion wieder zurück nach Deutschland zu holen", merkte Sandler an. Schon diese wenigen Beispiele zeigten die Innovationskraft der Textil- und Modeindustrie.
Für Sandler bedeutet Industrie 4.0 nicht, dass die Arbeitnehmer ihre Arbeitsplätze verlieren: "Vielmehr spielen die Beschäftigten eine entscheidende Rolle, wenn es darum geht, Innovation in den Alltag zu integrieren." Allerdings müssten die Schulabgänger über anschlussfähige IT-Kompetenzen verfügen; diese würden in nahezu allen Berufsbildern zur Standardqualifikation. In Münchberg und Naila sei die Ausbildung an der beruflichen Wirklichkeit orientiert. Erfreulich sei es, dass der bayerische Landtag Finanzmittel für den Bau eines Technikums am Standort Münchberg freigegeben hat. Dies dürfe aber nur der erste Schritt zum Ziel der bayerischen Textilindustrie sein, "dem Aufbau eines Textilforschungszentrums".
Für Landrat Dr. Oliver Bär haben die Textilindustrie und die textile Ausbildung für die Region eine besondere Bedeutung. So habe gerade die Sandler AG kürzlich für ihr fünftes Werk 48 Millionen Euro investiert. "Niemand hätte vor ein paar Jahren geglaubt, dass die Textilindustrie solch eine Renaissance erlebt."
Dritter Bürgermeister Thomas Schnurrer hofft, dass die Schüler Münchberg in guter Erinnerung behalten. Schülersprecherin Katharina Steinkamp erklärte, dass Münchberg ein Wechselbad der Temperaturen gewesen sei: "Im Sommer heißer als Mallorca, im Winter kälter als am Pol." Alle seien einig gewesen, "wir schaffen das", auch wenn es die Lehrer mit der Generation "Y" nicht leicht hatten.

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An besonders gute Schüler überreichte Landrat Dr. Oliver Bär Buchpreise. Im Bild von links: Franziska Bielmeier, Christian Wolf, Anne Luchterhand, Patrick Claas, Julia Birkl und Sascha Maurus.

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