Tolle Kleider aus alten Sachen

Quelle: S. Hüttner, FP 12.04.16

Nein, auf den ersten Blick ist wahrlich nicht zu erkennen, dass diese Modelle aus alten Klamotten entstanden sind. Von der Laptoptasche über Kleider mit passenden Handtaschen bis hin zu Jacke und Tellerrock für Regentage - die Kreationen sind ausgefallen, kreativ und vor allem: Fast alle sind auch tragbar. Die meisten der bekleidungstechnischen Assistentinnen und Modeschneider, die auf dem Weg zum Abschluss Techniker für Bekleidung an der Staatlichen Bekleidungsfachschule Naila sind, haben ihre Modelle nach den eigenen Maßen gefertigt und tragen sie auch; Fotos bezeugen das.

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Foto 1: Alte Jeans und Pullis ganz neu aufgepeppt zeigen in verschiedenen Variationen (von links) Yvonne Morenz, Ralph Spindler, Dorothee Deitert und Georg Gilich. Zehn Jeans aus dem eigenen Kleiderschrank hat Ralph Spindler in ein Jeanskleid verwandelt. „Ich habe eine Menge abgenommen, und die Hosen waren zu groß. Statt sie in einen Container zu werfen, sind sie nun im Kleid.“ 18 Zentimeter breit und 90 Zentimeter lang waren die zirka 15 Stoffbahnen für das Jeanskleid in verschiedenen Schattierungen, das mit einem durchgängigen Reißverschluss wie eine Jacke angezogen werden kann. Die Idee hat der junge Mann aus dem Internet, aber er hat sie abgewandelt. „Dort war es ein Rock, meines ist ein Kleid.“ Drei Jeans und zwei alte Pullis stecken in dem Kleid mit übergroßer Kapuze von Yvonne Morenz. Der Kapuzen-Innenteil und das Oberteil sind von den Pullis, der Rest aus den Jeans. „Arbeitsstunden sind an und für sich wenige aufgelaufen; es waren eher die Überlegungen und die Umsetzung“, gesteht die junge Frau, die ihr gutes Stück bei der Selber Kunstnacht selbst präsentieren wird. Patchworktechnik kam zum Einsatz für das grau-schwarze Kleid. „Aus alten Klamotten kann man viel Neues zaubern anstatt immer alles gleich wegzuwerfen“, meint sie.

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Foto 2: Julia Zettlmeißl: Einen alten, durchsichtigen Regenschirm hat Julia Zettlmeißl (rechts) in einen Überrock für ein Kleid verwandelt. Ein witziges Detail sind die etwa 400 Knöpfe – auch auf der passenden Handtasche. Diese ist aus einem alten Buch entstanden. „Die Seiten habe ich herausgetrennt und den Harteinband mit Jeansstoff eingeschlagen, vernäht und mit Knöpfen verziert.“ Mit im Bild ist Anne Fallak.

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Foto 3: Johanna Knoblich: Die Lieblingshose aus Zeltlagerzeiten in Camouflage-Optik, die schon lang nicht mehr passte, erlebte bei Johanna Knoblich eine Renaissance und kann nun als neue Kreation wieder zum Lieblingsstück werden. „Das Crop-Top mit durchgehender Knopfleiste vorn, entstand aus einem alten Kleid“, erklärte die Künstlerin, die insgesamt drei alte Kleidungsstücke für das Neue in Szene setzte und sich damit auch schon eindrucksvoll präsentierte.

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Foto 4: Fenna Steidl: Extravagant und ausgefallen ist die tolle Tasche von Fenna Steidl. Sie hat nicht mehr benutzte Kassetten mit Kabelbinder verbunden und silbern angesprüht, Kette und Karabiner dazugetan, und schon war der Hingucker fertig. „Die Kette findet sich aufgesprüht auf den Shorts wieder“, erzählt Fenna Steidl, die noch ein altes T-Shirt im Rückenteil mit nicht mehr verwendeten Schlüsselanhängern und Ketten neu gestaltet und aufgepeppt hat. Zusammen ist das Outfit punkig angehaucht; sie hat es auch schon getragen.

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Foto 5: Anja Kaiser: Anja Kaiser hat das Projekt Upcycling mit der Erfüllung eines Wunsches kombiniert – eine Laptoptasche, die aus Teilen eines alten Mantel und einer Lederhose entstanden ist. „Den Holzknopf hat mir mein Papa gemacht“, erzählt die angehende Technikerin, die bewusst einen Reißverschluss aus Plastik verwendete, um ein Verkratzen des Laptops zu vermeiden. Zum Schutz machte sie ein Futter aus Stoff. „Funktionell, tragbar und gebraucht“ beschreibt Anja Kaiser ihr Produkt, das schon ein paar Mal im Einsatz war.

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Foto 6: Sema Sayilikan: Ein ausgefallenes Teil hat Sema Sayilikan geschaffen: ein schwarzes, eng anliegendes Kleid mit Überrock aus etwa 250 Böden von PET-Flaschen. „Die habe ich mit dem Cuttermesser abgetrennt und rundum leicht angebrannt, damit sie nicht so scharf sind, und mit Goldlack besprüht“, erklärt die Schöpferin. „Der Überrock ist nachhaltig. Von den Flaschen ist nichts übrig geblieben. Sie hatten noch den Pfandcode. Ich habe sie in den Einkaufsmarkt gebracht.“ Tragbar ist das tolle Teil allenfalls auf dem Laufsteg, weiß Sema Sayilikan.

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Foto 7: Aurelia Bauer: Außergewöhnlich ist das Regenoutfit von Aurelia Bauer. Sie verwendete zwei Meter Wachstuchtischdecke und nähte daraus statt des üblichen Regenmantels einen Tellerrock und eine Überwurfjacke. „Die Jacke ist zum Reinschlüpfen und hat als Detail auf dem Rücken transparentes Karo. Das einzuarbeiten war knifflig.“ Aurelia Bauer wählte bewusst ein für Bekleidung nicht übliches Material. Es funktionierte – es wird nur sehr warm beim Tragen.

Die Menschen sammeln Papier, Glas und Plastik und geben es zum Recyceln. Bei alter Kleidung sieht das allerdings anders aus. Statistiken belegen, dass jährlich allein in Deutschland über 100 000 Tonnen Textil- und Bekleidungsabfall weggeworfen werden. Hinzu kommen Unmengen an Stoffresten und Verschnitten, die bei der Produktion neuer Kollektionen in der Textilindustrie anfallen. Und diese "Müllberge" entdeckten nun auch die angehenden Techniker als Material für sich. Die jungen Damen und zwei Herren wollen die Wegwerfmentalität in der Mode mit den schnelllebigen Trends durchbrechen - und so Ressourcen und die Umwelt schonen. Das Besondere ist, dass die alten Teile nicht nur wiederverwertet werden, sondern durch clevere Design-Ideen einen echten Mehrwert bekommen. Upcycling ist mehr als reines Recycling: Aus ausrangierten Jacken, T-Shirts, Hosen oder Hemden entsteht Mode, die nach Avantgarde aussieht und nicht nach Altkleidersammlung. "Da steckt Lust und Liebe drin und nicht ein Muss", bilanziert die Oberstudiendirektorin des BBZ Textil/Bekleidung Münchberg-Naila, Monika Nestvogel, die mit ihrem Stellvertreter Studiendirektor Dieter Rücker die verschiedenen Modelle bewundert und lobt. Fachoberlehrerin Verena Wieske-Singer hatte der Technikerklasse weitgehend freie Hand gelassen und nur als Coach fungiert. Die Ergebnisse sprechen für sich. "Es ist ein Statement gegen unsere Wegwerfgesellschaft", unterstreicht Wieske-Singer, die nur lobend über die Klasse spricht. "Die jungen Herrschaften sind sehr kreativ und engagiert. Sie gestalten den Unterricht aktiv mit und opfern auch freiwillig viel Freizeit, um ihre selbst gewählten Projekt umzusetzen."

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