Von wegen nur ein Strick

19.03.18

Quelle: Claudia Sebert, FP 17.03.18

Vier Stunden lang hat Imke von Hollen an ihrer Hängematte gearbeitet und hofft jetzt auf eine gute Note. Die Bremerhavenerin lernt in einer Firma, die Fangnetze für die Fischerei herstellt. Ihr Klassenkamerad Christian Hähnle leitet bereits selbst eine Textilflechterei.

 

Münchberg – Aus dem Klassenzimmer der Seiler-Schüler dringen unerwartete Geräusche: Eine junge Frau mit modischem Halstuch, das so gar nicht nach Arbeitskleidung aussieht, bohrt Löcher in Holzstangen. Sie sollen das Hängematten-Netz tragen, das die 22-Jährige selbst geknüpft hat – für eine gute Note und zum späteren Eigengebrauch natürlich, wie sie lächelnd erzählt. Ihr Lehrer Stefan Günther nickt zufrieden: „Den Einser hat sie schon eingeloggt.“
Netze knüpfen als Schulaufgabe? Europaweit gibt es das nur in der Münchberger Textilberufsschule. Hier lernen angehende Seiler aus ganz Deutschland das nötige Wissen für ihr Berufsleben. Meist haben sie eine weite Anreise hinter sich. So wie Imke von Hollen, die noch immer die Bohrmaschine rattern lässt. Sie stammt aus Bremerhaven und arbeitet dort als einzige Frau in einem Betrieb, der Fischerei-Netze herstellt. „Ich kannte den Beruf vorher gar nicht“, gesteht sie. Doch nun hat er sie derart überzeugt, dass sie lieber Seilerin lernt, statt zu studieren. „Jeder Fischer hat andere Ansprüche, man denkt erst Netz ist Netz, aber das stimmt nicht.“
Dass auch Seil nicht gleich Seil ist, hat Konrektor Stefan Günther selbst erst erfahren müssen. Er kam zum Fach „Faserseil“ wie die Jungfrau zum Kinde. Eigentlich ist er gelernter Weber. Doch Anfang des neuen Jahrtausends entstand die Idee einer Seiler- Schule, initiiert vom Bundesverband der Seiler und Netzmacher. Als der Verband alle Kultusminister von der Notwendigkeit überzeugt hatte, blieb nur noch eine Frage offen: Wo sollen die Azubis lernen?
„Ein Standort an der Küste wäre zwar naheliegend gewesen“, erzählt Günther. Durchsetzen konnte sich jedoch die heimische Firma Liros – der große Seilhersteller mit Werken in Berg und Lichtenberg. Deshalb lernen alle Seiler-Schüler in Oberfranken.
Die Sparte ist seit 2005 fester Bestandteil der Textilberufsschule. Zirka 70 Betriebe aus Deutschland schicken ihre Azubis nach Münchberg. Aktuell sind 40 der insgesamt 570 Berufsschüler angehende Seiler. Sie verteilen sich auf drei Klassen.
Christian Hähnle besucht die Zwölfte. Er arbeitet heute ebenfalls an seiner Hängematte. Und das, obwohl der 27-Jährige schon als Junior- Chef einen eigenen Betrieb mit 25 Mitarbeitern leitet. Mit seinem Vater betreibt er in Ottenbach bei Stuttgart eine Textilflechterei. Um das Handwerk des Seilers von der Pike auf zu lernen, absolviert er eine zweite Lehre – und drückt in Münchberg erneut die Schulbank. Im schönsten Schwäbisch zählt er auf, was seine Firma alles herstellt: „Fäden für Herz-OPs genauso wie Schnürsenkel für Eishockeyschuhe.“
Eine Bandbreite, die man als Laie nicht erwartet. Sie erklärt auch, weshalb sich junge Leute für diesen seltenen Beruf begeistern können. Stefan Günther nennt noch mehr Produkte, für die es Seiler braucht: Glasfaserdichtungen, Kühlschläuche, Drahtgeflechte im Flugzeugbau, genormte Kletterseile, Reitgerten, Holzrücke-Seile und noch vieles mehr. „Die Palette reicht vom Docht in der Kerze bis zum Schwerlast-Seil auf der Bohrinsel. In jedem Auto sind zwischen 200 und 800 Meter Seil verarbeitet.“
In Münchberg lernen die Schüler, wie man Seile an die Wünsche der Kunden anpasst. Die Auswahl des richtigen Materials gehört genauso dazu wie DIN-Normen. „Und Seile müssen auch keinesfalls rund sein“, erklärt Stefan Günther. Ihm ist sein Fach mittlerweile sichtlich ans Herz gewachsen ist.

Konrektor Stefan Günther hat selbst Maschinen für den Unterricht besorgt.

 

Als er die Seilerschüler 2007 übernahm, besuchte er zuerst sämtliche Betriebe in Deutschland, um sich zu informieren. Von diesen Touren brachte er auch die ein oder andere ausgediente Maschine mit, sodass die Schüler alle Verfahrenstechniken praktisch lernen können. Den Bereich „Drahtseil“ unterrichtet sein Kollege Klaus Schröppel. Nach Münchberg kommen aber auch externe Dozenten, und die Klasse unternimmt Exkursionen, zum Beispiel an die Küste.
Die Nordsee vermisst Imke von Hollen schon sehr, wenn sie für den Blockunterricht zwei Wochen lang in Münchberg wohnt. Doch Mitte Mai wird die Pendelei ein Ende haben. Dann steht die theoretische Abschlussprüfung an. Für die praktische reist der Prüfungsausschuss, zu dem auch Stefan Günther gehört, an die Küste, nach Brühl bei Heidelberg oder nach München. Wer bestanden hat, darf sich Geselle im Seiler- und Netzmacher-Handwerk nennen und könnte danach noch seinen Meister machen. „Dann landet er wieder hier bei uns“, freut sich der Konrektor.
Da es europaweit keine vergleichbare Schule gibt, schickt die Schweiz Schüler nach Münchberg. So eine Kooperation soll es künftig auch mit Österreich geben. Davon profitieren nach Meinung von Stefan Günther Schule, Schüler und Betriebe.
Denn die Seil-Hersteller suchen Nachwuchs – ihn zu finden, wird immer schwerer. Die Schülerzahlen sinken. „Das liegt auch daran, dass der Beruf so unbekannt ist“, vermutet Stefan Günther, „und: es braucht eine gewisse Begeisterung.“ Genau die will er vermitteln: „Seil ist nicht gleich Seil.“ Er hält einen Strick hoch und ergänzt schmunzelnd: „Außerdem ist es ein fesselndes Produkt.“

 

Der Beruf
Der Beruf Seiler beinhaltet die Bereiche Textil-Seile, Stahlseile und Netze. Gearbeitet wird mit Naturfasern wie Hanf, Flachs oder Sisal, mit Chemiefasern oder mit Stahldraht. Ein Seiler muss die Funktionen der verschiedenen Maschinen kennen, die Berechnungen über den jeweiligen Aufbau der Konstruktion vornehmen können, die Eigenschaften des Materials kennen und Konfektions-Arbeiten beherrschen.

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